Zwei Jahre Student und Gründer: Ein Fazit

Zwei Jahre Student und Gründer: Ein Fazit

In diesem Beitrag erwarten dich 6 Minuten Lesezeit und ein kurzer Einblick in die Hoch- und Tiefpunkte unserer ersten Gründung als Studenten. 

Der Anfang in der Studenten-WG

Schon vor dem Beginn unseres Studiums wussten mein Mitgründer Jannik und ich, dass wir gemeinsam gründen werden. Für uns war klar, dass wir bei einer guten Idee auf das Studium verzichten werden. Diese Einstellung war wichtig, denn gleiche Motivation und Commitment sind essentiell für die Entwicklung des Startups. Unterschiedliches Commitment ist einer der häufigsten Streitgründe in Gründerteams.

Schön und gut, nur hatten wir ein Problem. Wir konnten weder programmieren, noch hatten wir relevante Erfahrungen aus der Praxis oder in der Personalführung. Unser Unternehmen gründeten wir trotzdem schon im ersten Bachelor-Semester.

Wir legten uns bei der Ideengenerierung auf einige Punkte fest, die eine potentielle Idee erfüllen muss. Dabei waren unsere Schwächen eher ein praktischer Filter, als ein wirkliches Problem.

  • Wir müssen die Idee umsetzen können (zumindest ein MVP). Wir wollten kein BWL-Team sein das auf Startup-Events herum läuft und einen Entwickler sucht.
  • Wir hatten keine Kohle. Außerdem sind zwei 20-Jährige nicht gerade Investorenmagneten. Die Idee muss also früh Umsätze generieren können um bootstrappen zu können.
  • B2B-Kunden, aufgrund vermuteter, höherer Zahlungsbereitschaft.

Campusjäger hat all diese Anforderungen erfüllt: Eine Personalvermittlung für Praktikanten, Werkstudenten und Berufseinsteiger. Ein Markt, der für Headhunter nicht profitabel genug ist und trotzdem hohe Umsätze möglich macht, und ohne eine hohe technologische Herausforderungen.

Ohne Vorerfahrung waren wir auf Input von Außen angewiesen. Zwei Wochen nach der Ideengenerierung nahmen wir an einem studentischen Gründungswettbewerb teil, in welchem wir über 10 Wochen von Mentoren und Workshops begleitet wurden. Wettbewerbe können eine große Ablenkung sein. Für uns war der erste Wettbewerb Motivation und Sprungbrett. Man sollte trotzdem immer hinterfragen, ob der Aufwand bei der aktuellen Situation gerechtfertigt ist.

Campusjäger gewinnt den ersten Platz beim Gründungswettbewerb GROW. Bildrechte: Emanuel Jöbstl, KIT

Prototyp und erster Umsatz

Durch den Wettbewerb hatten wir einen hohen Anspruch früh Erfolge liefern zu können und haben uns extrem auf Campusjäger konzentriert. Nach 2-3 Wochen haben wir mit einem Websitebaukasten und Formulardiensten wie Jotform einen Prototypen veröffentlicht. Mit dieser Website sind wir sofort auf Unternehmen zugegangen und haben intensiv Akquise betrieben, auch wenn das Aussehen und die Funktionen noch ziemlich peinlich waren. Marktorientiertes Arbeiten hat uns früh wertvolles Kundenfeedback und Umsatz verschafft. Vor allem wenn man seinen Markt nicht kennt, hat ein MVP enorme Vorteile.

Trotz der unausgereiften Plattform konnten wir in den ersten Wochen unsere erste Vermittlung für 500 Euro abschließen und waren begeistert und fasziniert von der Tatsache, dass wir mit einer eigenen Idee tatsächlich Geld verdient haben. Die Umsätze reichten trotzdem nicht aus, um Kosten für gemeinsame WG, Flyer, Werbestände und IT zu finanzieren.

Das Problem konnten wir lösen, indem wir unsere Schlafzimmer an Gäste über Airbnb vermieteten und im Arbeitszimmer schliefen. Im November 2013 waren unsere Schlafzimmer nur an zwei Tagen nicht von Gästen belegt! Das Tolle an der Vermietung war die Möglichkeit Feedback von unterschiedlichsten Personen zu erhalten!

Nach diesen sechs Monaten Geplänkel und Arbeit in der Studenten-WG, wollten wir Campusjäger auf ein neues Level bringen. Wir nahmen Matthias Geis als dritten Mitgründer mit ins Boot und bekamen glücklicherweise die Zusage für die Aufnahme im Karlsruher Inkubator CyberLab.

Arbeiten in einer Burg

Die Zusage vom Inkubator war extrem geil für unsere Entwicklung. Neun Monate Bürospace in einer Burg mitten in der Stadt und Mentoring durch Business Angels über neun Monate. Wer in seiner Stadt einen coolen Inkubator hat, sollte die Chance wagen und sich bewerben. Unser Inkubator war staatlich gefördert und hat somit weder Anteile noch Geld gefordert!

Eine Burg als Büro. Quelle: Hoepfner-Stiftung

Der wichtigste Punkt nach Aufnahme des dritten Gründers war das klare Trennen der Verantwortungsbereiche. Ein Gründer fokussierte sich voll auf die Produktentwicklung, ein anderer auf die operativen Vermittlungsprozesse und der Dritte auf Akquise und Marketing. An diesem Punkt, ungefähr Mitte 2014, begannen wir mit strukturierter Akquise, langfristiger Produktentwicklung und einer klaren Vision.

Wir hatten das Gefühl zu Wissen wo wir in einem Jahr stehen möchten und wie wir dort hinkommen. In den kommenden 12 Monaten konnten wir so über 100.000 € Umsatz generieren. Eine klare Zielsetzung und der regelmäßige Abgleich mit den gesetzten Zielen ist die wichtigste Grundlage für eine gute Entwicklung!

Auf eigenen Beinen

Während der neun Monate konnten wir ca. 25.000 € auf die Seite legen und damit die Anfangsinvestitionen für ein eigenes Büro finanzieren. 

Das Produkt war immer noch nicht ausgereift und die Prozesse wirklich ätzend. Das Problem an unserem Modell ist, das ein automatisierter Ansatz viel Arbeit bedeutet. Der größte Teil des Produkts ist dabei nicht für User sichtbar, sondern läuft im Hintergrund ab.

Mittlerweile kann unser System viele Prozesse von Akquise, über Teilautomatisierung des Vermittlungsprozesses (Jobvorschläge, Zusagen, Weiterempfehlung an Unternehmen, Vermitteln eines Gesprächstermins) bis hin zur Fakturierung übernehmen. An diesem Punkt standen wir damals noch nicht, da unser IT-Team zu diesem Zeitpunkt nur aus unserem Mitgründer Jannik bestand.

Campusjäger Büro
Das erste eigene Büro in der Karlsruher Innenstadt.

Im neuen Büro stellten wir aufgrund der guten finanziellen Lage gleich viele Praktikanten und Werkstudenten an mit denen wir den nächsten Schritt gehen wollen. Mitte 2015 haben wir hier einen großen Fehler gemacht. Die Teams, die vorher eingespielt waren, waren überlastet vom schnellen Personalzuwachs. Wir mussten uns von einigen zuvor eingestellten Mitarbeitern wieder trennen und einsehen, dass wir uns noch ein paar Monate auf die Produktentwicklung konzentrieren müssen.

Wenn man einem Gründer auf einen Schlag drei Mitarbeiter für seinen Bereich hinsetzt, bedeutet das nicht, dass sich die Leistung seines Bereichs vervierfacht wird. Kurzfristig wird das Wachstum sogar einbrechen, da er sich Zeit nehmen muss für das Onboarding der neuen Mitarbeiter. Gerade wenn hier Erfahrung fehlt, sollte man darauf achten wichtige Personen erst zu duplizieren, bevor man sie multipliziert. Dieser offensichtlich wirkende Hinweis kann in der Wachstumseuphorie schnell nicht beachtet werden!

Nach diesem Dilemma haben wir uns dazu entschieden Wachstum für die nächsten vier Monate nicht in den Vordergrund zu stellen. Wir wollten uns auch personaltechnisch stärker auf die Produktentwicklung konzentrieren.

Durch die hohe Fluktuation an studentischen Mitarbeitern und die beschriebenen Fehler (begrenzte Praktikumszeiträume – Mindestlohn macht’s auch nicht einfacher) haben wir zu dieser Zeit auch extrem an unseren Onboardingprozessen gearbeitet. Mittlerweile braucht ein Praktikant nur wenige Tage um auf Touren zu kommen, da wir nach diesem Problem ein gutes System eingeführt haben.

Die Frontseite der Jagdbibel
Die Frontseite der Jagdbibel 

Ein Gimmick beim Onboarding ist beispielsweise unsere Jagdbibel, ein 40-seitiges Magazin welches dem Mitarbeiter am ersten Arbeitstag begleitet, Informationen zu verwendeter Software, dem Unternehmen und den Bereichen gibt und vom Mitarbeiter selbst weiterentwickelt wird.

Gerade bei bootstrapping Startups ohne viel Budget ist das Onboarding der studentischen Mitarbeiter extrem wichtig. Früh sollten die persönlichen Ziele des Praktikanten und Meilensteine des Praktikums geklärt werden. Was ist die Vision des Unternehmens – wie kann auch der Praktikant dazu beitragen? In einigen Startups sitzen Studenten drei Monate die Zeit ab und haben keine Möglichkeit sich weiterzuentwickeln.

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Die drei Gründer von Campusjäger: Matthias Geis, Martin Trenkle und Jannik Keller (v.l.n.r)

Quo vadis Campusjäger?

Unser Relaunch Anfang Oktober lief gut. Die Anzahl monatlicher Neukunden hat sich verfünffacht. Statt 200 kamen aus Karlsruhe und Umgebung mehr als 500 neu registrierte Studenten während des letzten Monats. Das Produkt ist bereit, jetzt werden die Segel gehisst und Umsatzwachstum steht wieder an erster Stelle. Ich hoffe, dass ich euch in einem halben Jahr von einem geilen ersten Quartal von Campusjäger mit mächtig Umsatz berichten kann.

4 Kommentare

  • Zu dem Manual und der Onboarding Prozessoptimierung würde ich gerne noch mehr erfahren :)
  • Hi Juppie Jup,
    unser Onboarding am ersten Tag ist einmal allgemein abgedeckt über unsere Jagdbibel und bereichsspezifisch je nach Struktur des Bereiches. In der Jagdbibel hat der Mitarbeiter 30 Aufgaben die vom Einrichten der Systeme, über Durchlesen unserer Vertragsunterlagen bis hin zur Kurzanalyse von Konkurrenten gehen.


    Die Inhalte auf den mittlerweile über 45 Seiten, handeln vor allem von der Geschichte von Campusjäger, der Struktur der unterschiedlichen Bereiche und einem Glossar mit Definitionen der internen Sprache.


    Durch dieses Dokument sind neue Mitarbeiter direkt auf einem guten Stand und benötigen beim Onboarding nicht viele Ressourcen. Unabhängig davon setzen wir uns am ersten Tag mit den Leuten zusammen und besprechen die Ziele, Motivation und Kernelemente der Zusammenarbeit.


    Das bereichsspezifische Onboarding ist bei mir im Marketing beispielweise in verschiedene untereinander verknüpfte Google Docs eingeteilt, die eine feste Struktur und einen Owner haben, der für die Qualität verantwortlich ist. Hier achte ich sehr darauf Neuerungen stets festzuhalten, um die Leitfäden auf einem guten Niveau zu lassen.


    Gerade für Startups mit hoher Fluktuation durch viele Praktikanten, kann sich auch ein gutes bereichsspezifisches Onboarding rentieren, um eine gewisse Konstanz in der Umsetzung zu haben.

    Viele Grüße
    Martin
  • Interessanter Artikel! Ich habe selbst innerhalb des 1. Semester gegründet und kann viele Phasen nachvollziehen. Persönlich hätte mich noch interessiert, wie eure Kommilitonen mit eurer Gründung umgegangen sind. Ob es Schwierigkeiten mit dem Studium gab und was eure Meinung zu dem Thema: "Gründen und Studium" allgemein ist.
    Grüße, Max von 359Degrees
  • Hi Max,

    Jannik, Matthias und ich studieren Wirtschaftsingenieurwesen am KIT. Das Studium ist gut organisiert und es gibt keine Anwesenheitspflicht, weswegen ich seit zwei Jahren nicht mehr wirklich vor Ort war, außer um ggf. mal eine Klausur zu schreiben.


    Wenn wir trotzdem Kommilitonen über Hochschulgruppen oder andere Gelegenheiten kennengelernt haben, war die Reaktion falls Campusjäger ein Gesprächsthema war immer positiv.

    Ansonsten habe ich im Startupbrett einen ausführlicheren Beitrag zum Thema "Gründen und Studium geschrieben":
    http://www.startupbrett.de/sind-studium-und-startup-vereinbar/

    Viele Grüße
    Martin von Campusjäger

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