800 Euro bedeuten manchmal die Welt

800 Euro bedeuten manchmal die Welt

Wenn du dich mit Mitte 20 selbstständig machst, ist das schon ein wenig komisch. Auf der einen Seite ist das ein berauschendes Gefühl etwas Eigenes aufzubauen, auf der anderen Seite bist du doch grad noch zur Schule gegangen und hast gefühlt vor 2 Wochen Abitur gemacht.

So ungefähr erging es mir als ich meinen Job gekündigt habe und nicht so genau wusste, wie es eigentlich weiter geht. 

“Du stürzt dich in dein Unglück, Jung”, hat meine Oma damals zu mir gesagt. 

Ich habe mich schon auf der Straße gesehen. Zum Glück ist es dann doch ein bisschen anders gekommen, was beileibe nicht bedeutet, dass es einfach war.

Mit 500 Euro ins Möbelhaus

Wenn du dir dein erstes Büro einrichtest, ist das ein tolles Gefühl. Zusammen mit der Familie nach IKEA und mit 500 Euro ein komplettes Büro einrichten, ist nämlich eine ziemliche Herausforderung. Nach dem Schreibtisch und den Stühlen, bleiben noch ein paar Euro für die obligatorischen Bilder und drei Pflanzen. Meine Oma hat mir dann noch einen Gummibaum geschenkt, der nach ihrer Auskunft wohl Geld bringen soll. Das Büro selber war in einer umgebauten Schule, heute würde man das wohl ein Coworking Space nennen, damals war es das Gewächshaus für Jungunternehmer.

Gut, wenn die eigene Schwester Grafikerin ist, dann kann man sich vom restlichen Budget weitere Ausgaben sparen und bekommt Logo, Visitenkarten und Briefpapier zum Freundschaftspreis. 

Die ersten eigenen Visitenkarten - wow, ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Mein Gott war ich stolz. 

Als dann auch noch die Internetseite online gegangen ist und das mit schicker Flash Animation - Begeisterung. Vom letzten Geld habe ich dann eine “Ich bin selbstständig” Feier gefeiert. Ich habe sogar eine kleine Rede gehalten - heute muss ich lachen, wenn ich daran denke, aber das Gefühl war schon speziell. 1.000 Euro Startkapital aufgebraucht. Puffer nicht vorhanden. Naja, wenn man den Dispo des Girokontos mit einrechnet, dann ein kleiner. Für 1 Monat alles vorfinanziert, was kostet die Welt?

Der große Schritt

Das Büro war aber rückwirkend für mich ein unglaublich wichtiger Schritt, denn es war der symbolische Schritt in die Selbstständigkeit. Das “Eigene” war auf einmal greifbar und natürlich hatte ich die ersten Tage Termine. Termine mit meiner Mutter, meinem besten Freund, der Büronachbarin und allerhand Schulfreunden, schließlich muss man erstmal jedem zeigen, was man sich da so aufgebaut hat.

Kunden finden

Natürlich kommt dann ein Punkt, an dem man zumindest mal versuchen sollte Geld zu verdienen. Ich wusste was ich kann und das sollte unter die Leute - Marketing. Ich habe also erstmal recht wild rumtelefoniert. 

Rückwirkend war das eins meiner entscheidenden Eigenschaften, die dazu geführt haben, dass irgendwas passiert ist. 

Ich war es aus diversen Nebenjobs gewohnt zu telefonieren, was nicht bedeutet, dass ich das gerne gemacht habe. Aber selbst wenn jemand am Telefon “Nein, danke” gesagt hat, war das kein Grund aufzuhören. 

So saß ich dann eines Tages im Büro eines regionalen Unternehmerkönigs und wollte ihn davon überzeugen, wie wichtig eine gute Marketingstrategie ist und, dass er mich unbedingt als Berater braucht - samt der Visitenkarten und einem zweiseitigen Flyer. 

Nach circa 10 Minuten fragte er mich dann: “Machen Sie auch Internetseiten?”. Die Frage hat mich natürlich überrascht, weil davon hatte ich nichts erzählt und natürlich konnte ich weder programmieren noch irgendwie eine Website erstellen. Aber, wie soll ich es sagen, es war einer dieser speziellen Momente. 

Der Moment an dem du dich fragst, wie es weiter geht. Und deshalb kam meine Antwort mehr spontan als wirklich überlegt: “Natürlich und zwar richtig tolle Internetseiten.” 

Wenn ich das so schreibe, frage ich mich selber wie ich darauf gekommen bin, dass auch nur ansatzweise zu sagen. Draußen vor dem Büro war ich wie berauscht. Ich habe gefühlt 100 Leute angerufen und davon berichtet, dass der erste Auftrag im Sack ist. Wahnsinn. 

800 Euro für eine komplette Website, inklusive Fotos und Texte - wahnsinnig trifft es wohl ziemlich gut. Aber was soll’s, ab jetzt bin ich reich und kaufe mir gleich … am besten nichts.

Dieser eine Moment

Genau diese Momente sind es aber, die dir zeigen, dass du den richtigen Weg einschlägst. In meiner letzten Anstellung habe ich 100x so große Budgets verantwortet, aber es waren nicht meine Budgets. Aber das, ja das, waren meine 800 Euro.

Wie ich dann die Website erstellt habe? Nun, ich würde es so sagen: Ich habe drei Wochen nicht geschlafen und mir mit unendlich vielen Videos und Tutorials einen Crashkurs in html verordnet und dann begonnen zu programmieren. Fotos habe ich mit meiner kleinen Casio geschossen und die Texte gleich auch getippt. 

Da passt der Slogan “alles aus einer Hand” wohl ganz gut. 

Die Website hat am Ende funktioniert und der Kunde hat bezahlt und war zufrieden. 

Wahrscheinlich das Projekt was den mit Abstand schlechtesten Deckungsbeitrag der Welt hatte, aber es waren 800 Euro und 800 Euro bedeuten 1 Monat Miete, 1 Monat Internet und 1 Monat Ravioli. Beschweren gilt nicht. 

Vorwärts und manchmal auch rückwärts

Zwei Jahre und gefühlte 100 Erfahrungen später war es dann Zeit für das wirklich erste eigene und autonome Büro. Eigentlich sollte in die Ladenfläche ein Kiosk, aber als gewiefter Marketingman sind viele Fensterflächen toll und man kann dann viele tolle Poster aufhängen. 

Ich glaube jeder hat gedacht, hier hat eine Druckerei aufgemacht, die bloß nicht möchte, dass man reinguckt. Hier habe ich aber dann auch meinen ersten richtigen Rückschlag gehabt. 2 Monate nach der Büroeröffnung und am Tag meines ersten Urlaubs seit Jahren bin ich morgens aufgewacht und dann ist folgendes passiert:

Ich habe auf mein Handy geschaut, was mir 25 Anrufe in Abwesenheit anzeigte, was in der Regel schon nichts gutes bedeutet. Nach dem Abhören meiner Mailbox war schnell klar: 

Jemand hat mein Büro aufgebrochen und wohl einen Trümmerhaufen hinterlassen. Heute schreibe ich das so runter, aber damals war das einer der Momente an denen ich mich gefragt habe, wie das passieren kann. 

Ich bin dann natürlich gleich zum Büro gefahren und naja, ein Trümmerhaufen ist noch eine nette Beschreibung. Die lieben Einbrecher haben ungefähr alles gestohlen was man stehlen kann und dieses Fingerabdruckzeug der Poilzei macht das Büro nicht wirklich schöner. Den Urlaub konnte ich dann natürlich vergessen.

Heute würde man sagen: “Mensch Felix, das kann man alles ersetzen und die Daten liegen in einer Cloud.” Leider gab es da die Cloud noch nicht und die einzige Datensicherung war eine externe Festplatte, die Teil des Diebesgutes war. 

Herzlichen Glückwunsch. Nachdem alle Polizisten, Familie und Freunde, weg waren, habe ich mich auf meinen Schreibtisch gesetzt und den wohl zweiten prägenden Moment für mich gehabt.

Wenn du in deinem Büro sitzt und wirklich alles weg ist und du nicht wirklich Geld hast um alles neu zu kaufen, fragst du dich, ob es das wert ist - es wirklich wert ist, dass jetzt stark durchzustehen. 

Ich hatte keine Ahnung was ich jetzt machen soll, wo ich neue Sachen herbekomme, was ich den Kunden sagen soll oder wie ich mich wieder aufrichten soll. So habe ich gefühlt zwei Stunden auf dem Tisch gesessen und mich dann dazu entscheiden mir erstmal ein Bier zu holen. 

Ja, das klingt sicher nicht wirklich professionell, noch bedacht, aber ich hatte einfach keine Ahnung was ich machen soll. 

So saß ich dann da mit meinem Kölsch und der Frage wie es weiter geht. Das Bier hat natürlich keine Lösung gebracht, aber etwas anderes: Ich habe mich umgeschaut und meine grün gestrichene Wand gesehen, meine Schreibtisch, Notizen auf dem Boden und einen Ordner im Regal und habe in dem Moment gefühlt, wo ich grad bin. 

In einem Platz, den ich mir selbst erschaffen habe, wo jedes einzelne Teil “Felix” schreit. Wo jedes einzelne Teil von meinem Geld gekauft und von mir genau da platziert wurde. Wo alles Teil meines eigenen Traums ist. 

Und dann ist mir klar geworden: Möchte ich mir das von irgendjemand kaputt machen lassen? Möchte ich das zurücklassen und meinen Traum von anderen zerstören lassen? Nein, das will ich nicht. 

Neustart

Nach 2 Wochen sah es wieder ansehnlich aus und rückwirkend war das wahrscheinlich einer der motivierendsten Phasen, die ich je hatte. Jeder Muskel, jeder Gedanke in mir hat geschrien: “Jetzt erst Recht.” 

Solche Momente werden dir auch begegnen und genau darum geht es: Wie du ihnen begegnest. 

Nimm dir die Zeit zu akzeptieren, dass es dich umwirft, aber wenn du unten liegst und das Gefühl hast, jeder drückt dich noch tiefer, dann atme tief durch und drück sie weg.

Irgendwann ein paar Jahre später habe ich dann für mich eine weitere wichtige Entscheidung getroffen. Viersen, meine Heimatstadt, bedeutet eben genau eins: Heimat, bedeutet Synergien, bedeutet Bekanntheit, bedeutet Sicherheit

Aber in meinem Fall bedeutete das eben auch: Limitierung und Einschränkung. Also habe ich mich nach reiflicher Überlegung dazu entschieden nach Düsseldorf zu gehen - privat und beruflich.

Für mich damals die große Stadt am Rhein - in der es mehr als meine kleine Beratung gibt und die Konkurrenz nur darauf wartet mich zu zerfleischen. Aber eben auch die Stadt der tausend Möglichkeiten und für mich der nächste große Schritt.

Wo geht man denn in Düsseldorf hin als Neuling? Na klar, ab auf die Königsallee. Kostet schließlich nichts. So hatte ich dann nach kurzer Zeit mein nächstes Büro, gleich auf der Kö in Düsseldorf - wenn das mal keine Ansage ist. 

Natürlich wurde mir irgendwann klar, dass Startups und Kö nicht wirklich zusammen passen, so blieb der Besuch auf der Edelmeile dann doch ein kurzer.

Und jetzt?

Mittlerweile sind natürlich ein paar Jahre vergangen, aber eins ist geblieben: Startups und Gründer. 

Von Anfang an habe ich vor allem Jungunternehmer beraten und das hat sich bis heute nicht geändert. Ich liebe es mit anderen Ideen zu entwickeln und zu spüren wie jemand für seine Idee brennt, genau wie ich es bei mir selbst gespürt habe. 

Eine kleine positive Erfahrung, die ich gemacht habe heißt: Bleib deiner Positionierung treu, auch wenn es Momente gibt, in denen du am liebsten alles hinschmeissen willst.

So bin ich dann irgendwann auch zu “Die Höhle der Löwen” gekommen, was mir genauso Spaß macht, wie mein tägliches Geschäft. 

Anderen dabei zu helfen, Ihren Traum zu verwirklichen, mehr Motivation geht nicht. Was ich da so mache? Nun, meine Aufgabe ist es die Teilnehmer auf die Sendung vorzubereiten. 

Für viele ist es ja das erste Mal vor der Kamera, da ist ein bisschen Support schon hilfreich. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man sieht, dass Kandidaten vor den Löwen überzeugen. Ich erinnere mich gerne an die vielen verschiedenen Ideen zurück, die wir in der Sendung hatten. 

Am Anfang wusste sicher niemand, ob die Sendung überhaupt jemand guckt, umso überwältigender ist das auch für mich, wenn man merkt, dass das Thema Gründung auch in Deutschland so bewegt. 

Bleib motiviert Felix


Titelbild von http://laurakirst-fotografie.de/

6 Kommentare

  • Haha. Sehr feiner Artikel. Ich habe ich ungefähr 100mal wiedererkannt. ;-)

    Bin ungefähr ähnlich "reingeschlittert" und habe auch für einen derartigen (damals für mich RIESIGEN) Betrag Webseiten mit allem Drum und Dran kreiert.

    Jetzt sieht die Welt anders aus aber ich würde die ersten Momente nicht missen wollen (Ich erinnere mich noch haargenau, wie ich meinen ersten Euro im Internet über AdSense verdient habe *gg*)

    Aber genau darum geht's. Schritt für Schritt zum Olymp. Immer weiter. Auch (und vor allem) wenn es nicht so läuft.

    Der geographische Austritt aus der Komfortzone ist ein spannender Teil, der mich inspiriert. Mal sehen, wie ich den ggf. implementiere.

    Alles Gute weiterhin
    Sebastian
  • Hey Felix!

    Toller, motivierender Beitrag, der sicherlich vielen zeigt, dass es sich lohnt, immer wieder aufzustehen.

    Viele Grüße, Daniel.
  • @daniel Das freut mich. Es geht halt nicht darum immer so zu tun als würde alles klappen. Rückschläge machen einen manchmal noch stärker.
    @hendrik :-) Dieses dunkle Geheimnis trage ich tief in mir. :-)
    @Toto: Oma, hat doch immer noch die meiste Ahnung.
  • Ich hab´s immer gewußt. Wenn nix mehr geht, erstmal in Düsseldorf ein Kölsch bestellen ;-)
  • Sehr gut, Felix.
    Bleib, wie du bist. Nur wenn du von einer Sache überzeugt bist, bist du gut. Und andere merken dies sofort. Aufgesetzte Coolheit hilft höchstens kurzfristig. Und man muss auch mal Mit beweisen, auch bei Dingen, die man vielleicht nicht so beherrscht (Internetseite). Wichtig ist, dass man an sich glaubt!
    Und, Omas Gummibaum hat funktioniert, oder?😉

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