Wann Bootstrapping mehr Sinn macht als Venture Capital, und wann nicht

Wann Bootstrapping mehr Sinn macht als Venture Capital, und wann nicht

In den letzten Jahren habe ich mehrere Ideen vor Venture Capital-Gebern gepitcht… und kein Geld bekommen. Erst Jahre später habe ich verstanden, warum es damals nicht funktioniert und ich darauf hin den Weg in meinem Startup per Bootstrapping Finanzierung bestritt. Vor allem aber habe ich eingesehen, dass Venture Capital nicht immer der beste Weg ist, um ein Unternehmen auszubauen. Bootstrapping hat definitiv seine Vorteile, aber ist auch nicht immer der einfachste Weg.

Was ist Bootstrapping?

Im Gegensatz zu Boostrapping ist Venture Capital Risikokapital, das i.d.R. durch einen institutionalisierten Venture Capital Investor vergeben wird, um ein Unternehmen zu skalieren. Bootstrapping hingegen umschreibt den Weg, aus eigenen Mitteln zu wachsen. Man gibt also nur das Geld aus, was man bereits verdient hat.

Das eine schließt das andere nicht aus, auch wenn es häufig so verstanden wird. Meist sind Bootstrapping – Startups erst viel später in einer Wachstumsphase, in der sie über eine Venture Capital-Finanzierung nachdenken. Der Druck ist dann im Vergleich zur Gründungsphase anders gelagert: Es geht weniger darum, das Unternehmen aufzubauen und zu den ersten 1000 Kunden zu bringen, sondern den Sprung von 1.000 auf 10.000 oder 100.000 Kunden zu schaffen. Statt „nur“ das Gründerteam zu finanzieren, müssen in einer späteren Phase Mittel für Internationalisierung, Strukturen und große Marketing Kampagnen aufgebracht werden. Der Bedarf ändert sich also im Lebenszyklus eines Unternehmens.

Deshalb: Es gibt nicht den „richtigen“ oder „besseren“ Weg, sondern einfach nur verschiedene Alternativen. Und genau auf diesen Unterschied möchte ich hier eingehen – um zu bewerten, wann Bootstrapping und wann Venture Capital in einer frühen Phase Sinn machen.

Leider gibt es bislang keine richtig Bootstrapping Statistik, die einen wirklichen Blick auf das Verhältnis Bootstrapping vs. Venture Capital wirft. Auch in der Aussenwahrnehmnung sind die finanzstarken Startups eher die Gewinner, was das Bild aber verzerrt. Ich glaube eine echte Boostrapping Statistik würde ein klares Mehrgewicht auf der Bootstrapping-Seite aufzeigen. Also, nicht entmutigen lassen, wenn es mit dem Venture Capital (noch) nicht geklappt hat.

Aufbau vs. Wachstum per bootstrapping Finanzierung: Die Phase ist entscheidend

Ausschlaggebend für die Entscheidung für oder gegen Bootstrapping ist die Phase, in der das Startup gerade steckt. Fehler Nummer 1 beim Pitch um Venture Capital ist, dass noch überhaupt keine Substanz vorhanden ist: Kein Team, keine Kunden, kein Produkte… sondern höchstens eine gute Idee.

Klar, könnte ein Investor trotz bescheidener Informationen und ungeachtet eines noch frühen Entwicklungsstadiums dennoch investieren. Diese Fälle sind in der Praxis aber sehr selten, da noch nicht eingeschätzt werden kann, ob das Produkt in dem gewünschten Markt überhaupt funktioniert und gut angenommen wird. In dieser Phase ist Bootstrapping meist die einzige Möglichkeit nach vorne zu kommen.

Aber auch das ist nicht immer einfach: Gerade am Anfang muss das Gründerteam viel Zeit investieren. Oft reicht die Arbeit am eigenen Startup am Wochenende nicht aus. Um die Gründung voranzutreiben, ist die Kündigung des bisherigen Arbeitsverhältnisses nicht selten ein notwendiger Schritt. Zur Finanzierung des Lebensunterhalts muss trotzdem irgendwie Geld her – von Luft und Liebe allein können auch Gründer nicht leben.

Unter diesen Bedingungen ist Venture Capital einfach nicht der „way to go“. Warum auch viele Anteile in einer so frühen Phase abgeben? Es gibt gute Bootstrapping Alternativen, um das Unternehmen zu Beginn aufzubauen und ein erstes Produkt zu entwickeln, mit dem man die ersten Kunden gewinnen kann: Neben Business Angels und Crowdfunding, Arbeitslosengeld und dem Gründungszuschuss (den ich damals auch bekommen habe) gibt es die Option der Querfinanzierung aus anderen Projekten.

Diese Gründungs- bzw. Startphase kann je nach Arbeitsintensität und Produktumfang ein paar Wochen, aber auch mal 2 Jahre dauern. Einen festen Zeitraum gibt es nicht. Aber dann…

Stell dir vor, jemand gibt dir morgen eine Million Euro für dein Business

Was würdest du tun? Wenn die Frage nicht klar beanwortet werden kann, ist es noch die beste Zeit für Bootstrapping.

Die Frage ist provokant, aber genau damit wird ein potenzieller Investor das Gründerteam konfrontieren. Viel Geld zu bekommen macht nur dann Sinn, wenn du viel Geld (sinnvoll) ausgeben kannst. Aussagen wie „damit machen wir Marketing“ oder „wir internationalisieren“ reichen einfach nicht aus. Denn ein feiner Unterschied zur ersten Phase ist, dass es jetzt nicht mehr um die Suche nach dem Product-Market-Fit geht, sondern um Skalierung.

Ein Beispiel: Du schaffst es mit 100€ zwei Kunden zu gewinnen, kannst du aber auch mit 1.000€ 20 Kunden gewinnen? Ist die Antwort „ja“, dann deutet dies auf Skalierungspotenzial hin. Weil aber nicht alle Marketing-Kanäle beliebig skalierbar sind, hilft ein Blick in die Marketing KPI weiter.

Doch Obacht – eines habe ich in den letzten Jahren gelernt: Skalieren ist schwer!

Wenn deine Keywords bei Google einfach nicht häufiger gesucht werden, als sie es laut Prognose sollten… Wenn das Sales-Team und dessen Leistung sich nicht ohne weiteres verdoppeln und verdreifachen lässt… Wenn internationale Märkte ganz anders funktionieren und du jedes Mal in der Produktgestaltung wieder von vorne beginnst… Dann stehst du vor klassischen Skalierungsproblemen, typisch vor allem beim Aufbau von Cloud Services. Aber wenn du diese mit konkreten Maßnahmen lösen und dies einem interessierten Investor glaubhaft vermitteln kannst, dann ist Venture Capital ein guter Weg.

Venture Capital dient zur Vorfinanzierung von Wachstum. Beim Bootstrapping musst du den Umsatz erst erwirtschaftet haben.

Bootstrapping vs. Venture Capital – Beides macht Sinn

Dein Geldgeber will wissen, wofür du die Mittel ausgegeben wirst. Ziel ist und bleibt Wachstum. Um dies zu verdeutlichen, hier drei Beispiele zu klassischen Fragestellungen im Online-Business:

(1) SEO

Nehmen wir an, du hast SEO-Traffic als einzig skalierbaren Kanal identifiziert. Was würdest du mit einer Million Euro tun? 5 Mitarbeiter einstellen, die SEO Content produzieren? Das lohnt sich nur unter der Voraussetzung, dass ein unglaublich hohes Suchvolumen für dein Geschäftsfeld existiert. Darüber hinaus muss es zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit zunächst ausreichen, dass die Aktivitäten erst mittel- bis langfristig Früchte tragen. SEO geht nun mal nicht von heute auf morgen.

(2) Direktverkauf

Wenn ein Mitarbeiter pro Tag per Telefon einen Kunden gewinnen kann, können 2 Mitarbeiter 2 Kunden gewinnen? Wenn ja, dann ist der Kanal skalierbar, wenn nein, dann nicht. Sales-Power im Team lohnt sich aus Erfahrung übrigens nur, wenn die Umsätze pro gewonnenem Kunden entsprechend hoch sind. Am Beispiel von FastBill, was bereits für 5€ pro Monat genutzt werden kann, wäre ein Salesaufwand von einem Tag pro Kleinkunde wirtschaftlich nicht rechtfertigbar. Auch diese Rechnung muss also stimmen.

(3) Programmierung

Was meist unterschätzt wird, ist der Marketing-Wert einer guten Produktgestaltung. Die Frage ist also, ob zwei Entwickler das Produkt doppelt so schnell und mindestens in derselben Qualität bauen können wie ein Entwickler – um damit doppelt so viele Menschen oder mehr zu überzeugen. Der Grund, warum wir alle Tools wie Mailchimp und Co. nutzen, sind überzeugende Features und eine leichte Bedienbarkeit. Kein Marketing, sondern ein gutes Produkt.

Ich denke, das Muster wird klar. Wenn du genau weißt, wie du 1 Mio. € investieren musst um mehr Kunden und Umsatz zu machen, dann wird jeder Investor dein bester Freund. Aber leider sind solche Schwarz-Weiß-Cases selten, da die benötigten Zahlen in der Regel zu Beginn nicht lieferbar sind. Deshalb geht es darum, mit einer Bootstrapping Finanzierung so viel „Substanz“ wie möglich aufzubauen, um das Risiko für eine Venture Capital Investition zu minimieren. Das können Versuche im Kleinen sein (z.B. einfach mal den Sprung von 100€ auf 300€ Budget bei Facebook Werbung wagen). Das können aber auch nachvollziehbare Erfahrungen aus anderen (eigenen) Startups sein.

Ich selbst z.B. weiß heute viel besser, was ich mit Venture Capital machen kann. Es gibt beim Empfehlungsmarketing beispielsweise deutlich mehr Hebel, die man für Wachstum schneller umlegen kann. Dazu kommt, dass auf auf Mechanismen setzen, die ein exponentielles (virales) Wachstum ermöglichen.

Aber: Venture Capital hat nicht immer nur Vorteile. Man gibt einen Platz am Ruder ab und steuert gemeinsam auf das Ziel Wertmaximierung hin. Persönliche, nicht unbedingt monetär getriebene Ziele, können dafür in den Hintergrund rücken. Es gibt zum Beispiel Unternehmen, denen sind eine entspannte Kultur, weniger Wachstumsdruck und langsames, organisches Wachstum wichtiger. Alles ok, aber man muss wissen, was man will.

Wann Bootstrapping sinnvoll ist

Bootstrapping ist sinnvoll, wenn …

  • das Geschäftsmodell auch im Kleinen funktioniert. Am besten schon ab dem ersten Kunden und auch bei den ersten 100.
  • es keinen drohenden Wettbewerb gibt, der kurzfristig massiv Marktanteile wegnehmen kann.
  • Wachstum mit Geld nicht beschleunigt werden kann. Geld haben und Geld ausgeben sind unterschiedliche paar Schuhe.
  • kein großes Risiko existiert. Wenn es nur um die Vorfinanzierung von künftigen Umsätzen geht, und dieser Fall auch absehbar eintritt, dann tut es vielleicht auch ein Darlehen, um kurzfristige Liquidität zu ermöglichen.

Welche Nachteile Bootstrapping birgt

  • Jeder Euro, der ausgegeben werden soll, muss vorher erst verdient werden. Wer gleich den „großen Knall erzeugen“ will, hat es schwerer.
  • Große Testbudgets sind meistens nicht vorhanden. Daher müssen neue Kanäle in kleinen Schritten entdeckt und analysiert werden. Ist die Performance gut, können sie langsam weiter erschlossen werden.
  • Bootstrapping bedeutet meist ein langsames Wachstum. Das erfordert einen langen Atem, Geduld und Durchhaltevermögen.
  • Es gibt kein Budget für Branding-Maßnahmen. Es gilt also, kreativ zu werden. Bei FastBill haben wir damals z.B. eine Startup Tour gemacht und auf Selbstvermarktung gesetzt.
  • Der Team-Aufbau ist sehr schwierig. Kein Geld = keine Gehälter. Keine Gehälter = kein Team. Wenn du also Experten im Team brauchst, benötigst du Geld um diese zu bezahlen. Die Alternative heisst: Selber machen und lernen.

Wann Venture Capital eine Option ist

Wär es nicht schön, von Tag 1 an ein Team aus erfahrenen Experten zu haben? Ja, finde ich auch!

Dies und gewisse Marketing- und Branding-Budgets sind der Grund, warum Venture Capital sinnvoll sein kann. Es muss nicht gleich die 200-Mann-Bude werden, aber auch schon marktübliche Gehälter für 10 Mitarbeiter über 18 Monate bis zum positiven Cash Flow kosten Geld. Geld, das durch Venture Capital gedeckt werden kann.

Hinzu kommen bei einigen Geschäftsmodellen enorm hohe Ausgaben, die sich ebenfalls nur mit großer Vorfinanzierung umsetzen lässt. Beispiele wie Stylight.de zeigen, dass eine TV-Kampagne auch zu Beginn Sinn macht. Das Geschäftsmodell „Affiliate“ funktioniert einfach erst ab einem gewissen Volumen.

Welche Ideen eignen sich nicht für Venture Capital?

Ein typisches Projekt, dass niemals interessant für Investoren wäre, ist Happy Coffee. Innerhalb eines Jahres konnten wir allein den organischen Traffic auch über 300 Nutzer pro Tag steigern und in 18 Monaten auf über 500 pro Tag. Sicher, da geht noch mehr, aber für den Aufwand ein völlig zufriedenstellendes Ergebnis. Bei einer angenommenen Conversionrate von 1-2% und einem Warenkorb von 20-50€ könnte dieses Projekt bereits jetzt einen ROI verzeichnen und sich für mich somit lohnen. Allerdings bewegen sich diese Zahlen fernab dessen, was ein Investor erwartet, wenn er Hunderttausende oder Millionen Euro investieren möchte.

Für mich ist diese aktuell geringe Wachstumsrate ok. Es ist ein „Nebenbei-Projekt“, für das von Beginn an limitierte Ressourcen zur Verfügung standen. Sowohl personell, als auch finanziell.

Bootstrapping ist eine Einzelfall Entscheidung

In diesem Beitrag geht es Extreme der Startup Finanzierung. Auf der einen Seite sehr viel kurzfristiges Geld (Venture Capital). Auf der anderen Seite organisches Wachstum aus eigener Kraft mit limitierten Mitteln (Bootstrapping). Natürlich gibt es noch weitere Formen der Wachstumsbeschleunigung und Finanzierung. Sei es nun mit Hilfe von Business Angels oder Inkubatoren. Am Ende entscheidet der Einzelfall. Und damit du.

Wie ist deine Erfahrung zum Thema Bootstrapping? Willst du einen Investor mit ins Unternehmen holen, oder lieber aus eigener Kraft per Bootstrapping wachsen?

Artikelbild: 

7 Kommentare

  • […] zurückziehen können. Das ist ein Mythos, der unter großen Verlusten gelernt wird. Kunden und Investoren, die vernünftige sechs- und siebenstellige Summen investieren wollen, brauchen den Kopf des […]
  • […] ich auch bereit zu bezahlen, bzw. zu investieren. Denn diese Plattform wird nach wie vor gebootstrapped. Neben all den technischen Herausforderungen stellte ich vor allem fest, dass Community Building […]
  • Gefällt mir gut - sehr interessante Zusammenfassung!
    Nur das Bild am Ende fehlt - da war ich jetzt gespannt drauf :-)
  • Hi Christian,
    schöner zusammenfassender Artikel! Erinnert mich daran, wo ich momentan mit http://www.StartinWP.de/ stehe.
    Also ich bin ganz klar der Bootstrapping-Typ, denn ich denke, dass man zu Beginn immer diesen Ansatz fahren kann. Dieses Mindset musste ich mir allerdings erst erarbeiten.

    Beim Bootstrapping geht es darum, so schnell wie möglich einen Prototypen zu bauen (Minimum Viable Product), um danach zu testen, erste Zahlen zu sammeln und dann weitere Use-Cases sukzessiv auszubauen. Hier kann ich folgendes eBook von Matt Kremer empfehlen: https://mattkremer.com/weekend/

    Ich und ein paar Mitgründer sind mit zwei Projekten gescheitert, weil wir zu Beginn nicht gebootstrappt bzw. früh genug getestet haben! Wir verloren zu viel Zeit und Geld und danach ging die unsere Motivation und der Fokus flöten. Jetzt weiß ich zumindest wie ich es nicht mehr machen werde...

    Ich finde man muss eine gewisse Erfahrung haben und auch wissen, wie man am besten mit Venture Capital umgeht. Und um Erfahrung zu sammeln eignet sich Bootstrapping in jedem Fall. Die Lernkurve ist enorm! Mit diesem Wissen trifft man automatisch clevere Entscheidungen und man kann besser einschätzen, wann der richtige Zeitpunkt für Venture Capital ist.

    Grüße,
    Sebastian

Was denkst du?

Lerne aus der Praxis

Hier bekommst du kostenlose Erfahrungen von Gründern für Gründer. Lerne, wie du dein Business zum Erfolg bringst.

Sponsoren

Sichere Cloud Lösung für Datenspeicherung 
aus Deutschland

Finanzmanagement für kleine Unternehmen

Immer frischer Kaffee für´s Büro

© 2017 by Framework. Powered by Chimpify.