5 Dinge, die ich als Gründer einer Kreativagentur heute besser weiß

5 Dinge, die ich als Gründer einer Kreativagentur heute besser weiß

Würde ich heute meine ersten Gehversuche in der Designbranche unternehmen – ich wünschte, jemand könnte mich in manchen Dingen vorwarnen, damit ich die Erfahrungen nicht am eigenen Leib zu machen bräuchte. Beruflich bin ich nun für das Kreativbüro Frisch tätig. Seit 5 Jahren beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Werbeaufgaben, von Logo- (Frischlogos) über Websiteentwürfe bis hin zum Copywriting (Frischwerbetexte). Es gab sowohl blühende Zeiten, in denen wir am liebsten Freudentänze aufgeführt hätten, als auch Durststrecken, wo wir eher daran gedacht haben, ganz aufzugeben.

Was du hier zu lesen bekommen, ist eine Aufzeichnung meiner privaten Meinung, halte es also bitten auf keinen Fall für dogmatisch. Mit diesem Text hoffe ich den Neueinsteigern unter den Lesern des LSWW Blogs ein paar bittere Momente zu ersparen.

Lektion 1: Der richtige Preis

Wenn dein Geschäftsmodell nicht skalierbar ist, kann eine Positionierung nach dem niedrigsten Preis deiner Weiterentwicklung mehr schaden als nutzen. Zu Beginn meiner Berufstätigkeit als Designer habe ich mehrere lange Nächte über Logoprojekten verbracht, für die der Kunde dann ca. 50 Euro zahlte. Damals überstieg die Kundenzahl das Zeitvolumen bei weitem, so dass mir kein Privatleben mehr blieb. Die Konsequenzen kann man sich leicht vorstellen: Keine Zeit für Familie und Freunde, scheiternde Beziehung…

Ein niedriger Preis ist der einfachste Weg zu den schwierigsten Kunden.

Dann traf ich einen Mann, der mir erzählte, er würde nur für einen Kunden pro Monat arbeiten und trotzdem zehnmal so viel verdienen wie ich. Ich konnte es kaum glauben. Er machte doch genau das gleiche wie ich, war nicht deutlich besser, und trotzdem verdiente er fast 4000 Euro an jeder Logogestaltung (Herzliche Grüße an Pawel!).

Kunden, die sich nur nach dem niedrigsten Preis richten, bleiben dem Preis treu, nicht dir. Dementsprechend verlierst du deren Loyalität, sobald du deinen Preis auch nur um einen Euro anhebst.

Am Tag nach diesem Gespräch habe ich meine Preise sofort verdreifacht. Nur ein Drittel der Kunden hat mich verlassen! Das heißt, ich hatte ein Drittel weniger Arbeit, verdiente aber dreimal so viel Geld. Erst da bekam ich auch mein Privatleben wieder in den Griff. Der Gewinn hat sowohl für die Weiterentwicklung meines Geschäfts als auch für einen gewissen Lebensstandard gesorgt. Ach so: Du warst der Meinung, mit niedrigen Preisen könntest du viele Kunden anlocken? Ja, schon. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich inzwischen, dass der niedrige Preis dir erst das Leben zur Hölle macht und dann dein Geschäft zum Erliegen bringt.

Lektion 2: Das richtige Online-Marketing

Heutzutage wiederhole ich ständig, fast wie ein Mantra, die erste Regel der Suchmaschinenoptimierung (SEO). Man weiß nie genau, in welche Richtung die Algorithmen der Suchmaschinen schweifen werden. Und man kann nie wissen, ob Google bei der Einschätzung deiner Website nicht getäuscht wird (und das passiert immer häufiger). Wenn dein Geschäft sich ausschließlich auf den Online-Verkehr stützt, dann solltest du dir unbedingt folgende Frage stellen: Was wird aus meinem Unternehmen, wenn es in den Suchergebnissen nicht mehr sichtbar ist?

Mein Gegenmittel für diesen Fall der Fälle habe ich erst gefunden, als urplötzlich – aus heiterem Himmel – alle unsere polnischen Webseiten aus den Suchergebnissen verschwunden waren (noch ein Beispiel dafür, dass die beste Qualität zählt, nicht der niedrigste Preis). Ich kann bis heute kaum begreifen, wie es überhaupt möglich war, aber wir haben es tatsächlich überstanden. Heute würde ich anders vorgehen, höchstwahrscheinlich einfach aufgeben. Was würdest du tun, wenn die Google-Suchmaschinen auf einmal anders funktionieren, nach anderen Paradigmen, oder wenn deine Domain einfach nicht mehr in den Suchergebnissen auftaucht? Würde das für dein Geschäft das Ende bedeuten?

Die erste Faustregel der SEO-Positionierung lautet:
Verlassen Sie sich nicht ausschließlich auf SEO!

Die Ausdifferenzierung des Verkehrs ist eine wichtige Voraussetzung für das Überleben im Netz, wo sich die Regeln ständig verändern. Stelle sicher, dass der Verkehr auf deinen Landing-Pages aus den Social Media, Business Blogs, Webseiten deiner Kunden und natürlich auch den wundervollen Fachportalen wie LSWW resultiert. Nutze Google Analytics, um genau zu erfahren, welche Beiträge eine zufriedenstellende Konversion erbringen.

Im Internet gibt es immer Blogs oder Portale, auf denen du deine Inhalte veröffentlichen kannst, und die dir viel mehr Gewinn einbringen als drei oder vier Beiträge auf deiner eigenen Website. Wenn du dafür sorgst, dass mindestens ein Teil des Traffics auf deiner Website außerhalb der Suchmaschinen entsteht, darfst du dich sicher fühlen.

Lektion 3: Die richtigen Leute

Anfangs war Frisch ein kleines Unternehmen, das ich mit einem Freund aus Kindertagen gegründet hatte. Ich arbeitete die Nächte hindurch in dem festen Glauben, dass wir es schaffen würden. Er aber betrachtete das Ganze mehr als einen unverbindlichen Nebenjob, in dem er zugleich den Boss spielen durfte. Der Unterschied in unseren Perspektiven wurde so spürbar, dass wir uns getrennt haben. Als Gesellschafter und als Freunde: Wir brauchten längere Zeit, um etwas Abstand zu gewinnen und unsere Freundschaft wieder aufzubauen.

Bisher bin ich in meinem Berufsleben auf lediglich ein Duo gestoßen, bei dem beide Beteiligten die gleichen Ziele verfolgten und gleich motiviert und engagiert waren. Und zum Schluss haben sie auch geheiratet, aber das ist ja nun eine ganz andere Geschichte (herzlichen Glückwunsch!).

Stelle keine Freunde ein, denn anstatt einen guten Mitarbeiter zu gewinnen, verlierst du einen guten Freund.

Wenn du jemanden bezahlst – kannst du dir dann sicher sein, dass er dir gegenüber selbstlos bleiben kann? Falls du es schaffst, jemanden zurechtzuweisen, weil er seine Aufgaben nicht erfüllt, und anschließend an der Bar mit ihm über sein Privatleben zu plaudern, dann bist du bestimmt eine Ausnahme. Ich schaffe es nicht. Wenn du also imstande bist, das Private vom Beruflichen zu trennen, und sicher bist, dass dein Freund das auch kann – nur zu: Dann könnt ihr auch zusammen arbeiten.

Aber um es kurz zu machen: ein Unternehmen besteht aus Menschen. Es hat bei mir eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass – so banal es klingt – ein gutes Arbeitsteam nicht unbedingt dazu da ist, Freundschaften zu schließen, sondern sich gegenseitig im Fachwissen und in den Kompetenzen zu ergänzen. Es ist natürlich kein Problem, wenn Sie mit Ihrem Team einen netten Kneipenabend verbringen, es geht nur darum, dass das Berufliche immer im Vordergrund stehen soll.

Der beste Designer unter meinen Mitarbeitern kann keinen Alkohol vertragen und interessiert sich gar nicht für das Nachtleben und Kneipentouren. Ihn interessiert auch nicht, dass ich gestern einen schwierigen Tag hatte, weil uns heute eine neue Aufgabe bevorsteht, die es zu erfüllen gilt. Die Arbeit ist schließlich der wichtigste Grund, weshalb wir uns in unserem Büro versammeln. Und diese Einstellung weiß ich wirklich zu schätzen. Sie bedeutet auch nicht automatisch, dass wir bei der Arbeit steif und langweilig bleiben – sondern einfach nur professionell.

Recht hat, wer seine Thesen beweisen kann,
nicht wer beliebt oder laut genug ist.

In introvertierten Menschen verbirgt sich nicht selten eine große Stärke. Obwohl sie über Fachwissen verfügen und interessante Lösungen vorschlagen könnten, schweigen sie höflich, um anderen nicht zu widersprechen. Das ist schade! Im Gegensatz zu ihnen gibt es allerdings auch solche Typen, die viel von ihrem Wissen und ihren Erfahrung erzählen, aber nichts davon nutzen, um ihre Ideen umzusetzen. Ein Freund von mir nennt sie wenig schmeichelhaft „Onanisten-Erzähler“, weil sie sich vor allem mit ihren selbst erzählten Geschichten amüsieren, dabei aber als richtige Leader eher unfähig und erfolglos bleiben. Deswegen nehmen wir jegliche Art von Eigenwerbung nicht so ernst. Wir sind das, was wir getan, eingeführt und umgesetzt haben, nicht bloß gesagt oder versprochen.

Die richtige Anpassung der Kompetenzen an die Aufgaben
ist ein kontinuierlicher Prozess.

Vergiss nie, dass die richtigen Leute jeden Tag besser werden. Und die besten verlassen anschließend das Unternehmen, weil ihnen große, ambitionierte Projekte fehlen: sie brauchen mehr Entwicklungsmöglichkeiten. Selbst in dem besten Team wird die Atmosphäre etwas lethargisch, wenn die Mitarbeiter zu schwierige oder zu banale Aufgaben bekommen. Es ist genau der Gegensatz zu dem Happy-Flow-Gefühl, das uns begleitet, wenn alles glatt läuft. Verpasse diesen Moment nicht.

Lektion 4: Die richtigen Inhalte

Meine Erfahrung ist, dass man erst wenn man sich mit der Fachliteratur vertraut macht und etwas darüber liest, was und wie man Kunden zum Kauf bewegt, man die Chance haben wird, gute Werbung zu erstellen. Andernfalls erschafft man eher Kunst. Aber bei einer guten Werbung geht es nicht darum, den Kunden mit einem Kunstwerk zu begeistern, sondern ihm das Produkt zu verkaufen. Werbung, die keine Produkte verkauft, ist nicht kreativ! Deswegen sind die besten Designer in der Werbebranche meistens auch gute Texter.

Der Inhalt, den du mitteilen willst,
ist wichtiger als die Form.

Die richtigen Worte überzeugen deine Kunden viel stärker als die beste Grafik. „Lorem ipsum“, der übliche Beispieltext, wird selbst das schönste Design zunichte machen. Die Grafiker fokussieren sich auf das Visuelle, aber die Kunden achten viel mehr auf die Message, die dahinter steht. Das sind zwei grundverschiedene Dinge. Aus eigener Erfahrung weiß ich mit Bestimmtheit, dass ein weniger attraktives Projekt mit einem guten Text mehr Akzeptanz und Anerkennung bekommt als ein schönes Design mit einem sinnlosen Text.

Heutzutage gibt es im Internet viel zu viele sinnlose Inhalte.
Den Kampf um die Aufmerksamkeit der Kunden gewinnen diejenigen,
die mindestens über eine Basiskompetenz als Texter verfügen.

Vergiss nicht: Schlicht ist klug. Die Welt ist so kompliziert geworden, dass wir keine komplizierten Projekte, langatmigen Inhalte und zeitaufwendigen Prozeduren mehr ertragen können. Die Währung, die uns interessiert – nämlich die Aufmerksamkeit der Internetnutzer – wird immer teurer. Für zu Kompliziertes ist einfach kein Platz mehr.

Die Werbekunden selbst scheinen sich dessen auch bewusst zu sein: Sie betrachten Minimalismus weder als Unzulänglichkeit noch als Mangel an Kreativität. Und auch wenn sie noch nicht ganz begriffen haben, dass die einfachsten Formen die meiste Arbeit erfordern, so verstehen sie immerhin, dass eine von Bildern und Videos überfrachtete Website, die viel Ladezeit in Anspruch nimmt, schlecht mit einem schlichten und übersichtlichen Design konkurrieren kann. Deswegen sind die Kompetenzen eines guten Texters sowie Geschicklichkeit in minimalistischen Formen die begehrtesten Stärken in jeder Werbeagentur.

Lektion 5: Das richtige Leben

Seien wir ehrlich: Wir arbeiten, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Um zu leben. Du kannst selbst entscheiden, wieviel du „ausgibst“. Bei der Arbeit bezahlst du mit der wichtigsten Währung, die nicht erneuerbar ist – mit deiner eigenen Zeit. Das Paradox besteht darin, dass du ein interessantes Leben offline brauchst, um interessante Inhalte fürs Online zu erschaffen.

Du wirst der Welt der Grafik und des Designs kaum etwas Interessantes anzubieten haben, wenn du selber keine anderen Lebensbereiche erkundest. Unterschätze also deine private Zeit mit Freunden und Familie nicht, gönne dir Reisen und andere Formen der Weltentdeckung. Steve Jobs pflegte zu sagen: Ich bin ein großer Fan von Langeweile. Sie führt direkt zur Neugier, und mit Neugier fängt alles an.

Wenn du dich ausruhst, arbeitet dein Gehirn härter für dich, als du dachtest.

Also: Gönne dir ruhig etwas Langeweile, ohne Stress, und finde deine eigene vermeintlich fruchtlose Tätigkeit, die sich letztendlich als ungeheuer fruchtbar für deine Kreativität erweist.

Vor ein paar Jahrzehnten war man nicht gleich von Stress zerfressen, wenn die Zeit einfach mal an einem vorbeilief – als man etwa Löcher in die Luft starrte oder in einer langen Schlange anstand. Heutzutage kann, wer ein paar Hobbys hat und gut organisiert ist, sich vor jeder Langeweile in einem Multimedia-Bunker schützen und seine Freizeit bis auf die letzte Minute verplanen. Aber ist es das, was wir im Leben wirklich brauchen?

Ich weiß, dass LSWW vielen erfahrenen Lesern lediglich eine Erinnerung an bereits bekannte Themen anbietet. Aber viele von Ihnen werden auch ihre eigenen, ganz anderen Erfahrungen sammeln. Deswegen würde ich mich über eure Kommentare zu diesem Beitrag sehr freuen: Teile mir und den anderen deine Erfahrungen mit – und all das, was du selbst nicht wusstest, aber hättest wissen sollen, als du in die Designbranche eingestiegen bist.

Lass uns in Kontakt bleiben! 

16 Kommentare

  • Klasse Erkenntnisse Krzysztof!

    Eigenartigerweise habe ich 2003 ähnliche Erfahrungen gemacht und im Bereich Immobilienmarketing die Preise vervierfacht. Später ist es gar so weit gegangen, dass ich nur noch 3-4 Kunden pro Jahr brauchte, da ich die DL erheblich erweitert habe. Wir haben dann Feasibilities, Nutzungskonzepte und Architektur hinzugefügt. Und übrigens komplett OHNE Google und SEO

    ...die Motivation lag nie im „schneller, größer, weiter“ oder reicher, sondern darin möglichst ortsunabhängig leben und arbeiten zu können.

    Das tue ich übrigens immer noch, wenn auch in anderen Bereichen frei nach meinem Motto „do what you really love to do - most there, where you love to be“

    In diesem Sinne, weiterhin viel Erfolg
  • Hey Holger,

    das klingt super! Freut mich, dass der Plan aufgegangen ist.
  • Hat mir gut gefallen der Text, sehr guter Einblick!

    Ich halte auch das "Texten" für eine wichtige Basikompetenz, die allzuoft unterschätzt wird. Auch ein "Leben offline", wie Du es so schön benennst finde ich elementar wichtig. Ich selbst arbeite seit über 20 Jahren selbstständig und für mich hat das Thema "work-life" balance einen hohen Stellenwert. Wer Lust hat, schaut mal hier in dieses Interview:

    https://karriere.unicum.de/erfolg-im-job/work-life-balance/gefahr-fuer-berufseinsteiger

    Alles Gute Krzysztof
  • Danke für den Link! Ich werde es mir ansehen :)
  • Netter Artikel. Aber prüfe mal den SEO Titel bei der Texte-Seite.

    LG
  • Danke, dass du es aufgezeigt hast. Ich werde es reparieren
  • Sensationell, Deine Aussagen zum "Preis". Stimmt genau. Darüber hinaus natürlich auch ein guter Artikel, der zum Nachdenken anregt. Danke...
  • Wenn du nie hören, dass du zu teuer sind, musst du den Preis erhöhen :)
  • Danke für deine Erfahrungswert!
  • Danke fürs Lesen!
  • Netter Kommentar, erinnert stark an die eigene Gründung und auch einige Jahre Agenturleben. :-)
  • Vielen Dank. :) Ich bin froh, dass dir der Artikel gefallen hat. :)
  • Sehr guter Beitrag, erinnert mich an die eigene Gründungszeit. Alles Gute weiterhin!
  • Schöner Beitrag, vor allem der Hinweis auch mal die Beine lang zu machen und die Gedanken und Seele treiben zu lassen. Danke.
  • Danke. :) Ich bin froh, dass du diesen Tipp hilfreich gefunden hast. Es ist subtil, aber macht so viel Veränderung. :)

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